Universitätsklinikum Aachen, Universitätsklinikum Magdeburg

AKTIN-EZV | Echtzeit-Versorgungsforschung mit dem AKTIN-Notaufnahmeregister

Vorgesehen ist der Ausbau des aus einem früheren BMBF-Projekt hervorgegangenen AKTIN-Notaufnahmeregisters um weitere 29 Notaufnahmen, sowohl universitär als auch nicht-universitär, zu einer flächendeckenden Infrastruktur für Echtzeit-Versorgungsforschung in Notaufnahmen.

Analysen von Routinedaten aus der aktuellen Pandemie werden dazu beitragen, Erkenntnisse über die Inanspruchnahme zentraler Notaufnahmen zu erhalten. Zudem werden kontinuierlich tagesaktuelle Daten aus den Notaufnahmen für epidemiologische Auswertungen automatisiert bereitgestellt und COVID-19-spezifische Forschungsfragen in diesem Zuge bearbeitet.

Wie viele Patienten kommen täglich in die Notaufnahme? Wie dringend müssen sie behandelt werden und mit welchen Beschwerden haben sie die Notaufnahme aufgesucht? Mit dem AKTIN-Notaufnahmeregister, das aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Universitätsmedizin Magdeburg und dem Institut für Medizinische Informatik der Uniklinik RWTH Aachen entstanden ist, können diese Informationen in den teilnehmenden Kliniken dezentral erfasst werden. AKTIN steht dabei für "Aktionsbündnis für Informations- und Kommunikationstechnologie in Intensiv- und Notfallmedizin“. Das Robert Koch-Institut ist seit 2013 ein Partner des AKTIN-Notaufnahmeregisters und bekommt seit März 2020 täglich wichtige Echtzeit-Daten zur Lage in deutschen Notaufnahmen während der COVID-19-Pandemie übermittelt. Derzeit sind 17 Notaufnahmen aus ganz Deutschland an das Register angeschlossen, 5 weitere befinden sich momentan im Anschlussprozess. Es ermöglicht damit erstmals, das notfallmedizinische Geschehen in den Kliniken während der aktuellen Pandemie, in zukünftigen Epidemien oder bei anderen gesundheitsrelevanten Ereignissen in Echtzeit beobachten zu können.

Damit die Aussagekraft der Daten weiter verbessert werden kann, soll im Rahmen des Projekts „AKTIN-EZV“ in den kommenden Monaten durch die Anbindung weiterer 16 Uniklinika und 6 nicht universitärer Kliniken möglichst eine bundesweite Abdeckung erzielt werden. Die tägliche Datenlieferung an das RKI und die Nutzung der Daten soll im Zuge des Projekts weiterentwickelt werden. In dem Projekt sind zudem 3 COVID-19-spezifische Forschungsfragen als Use-Cases bearbeitet.
 

Mit der SARS-CoV-2-Pandemie wird eine Veränderung der Patientenströme in der Akutmedizin beschrieben, insbesondere mit Beginn der bevölkerungsweiten Maßnahmen ein Rückgang der Fallzahlen in Notaufnahmen. Dieser ist mit einer Veränderung des Patientenkollektivs verbunden, z. B. sinken nichtdringliche Behandlungsfälle stärker als Fälle mit kritischen Erkrankungen. Die regelmäßig auftretende Überlastung von Notaufnahmen, vergleichbar der jährlichen Grippewelle, ist ausgeblieben. Einer der Gründe kann in der Unterstützung durch die gegensteuernden Public Health-Maßnahmen und Anpassungen der lokalen Versorgungsstrukturen gesehen werden. Flächendeckende Daten zur aktuellen Situation in den Notaufnahmen während der Pandemie sind bisher nicht bzw. nur mit großer zeitlicher Verzögerung verfügbar. Das AKTIN-Notaufnahmeregister bietet eine IT-Infrastruktur, die datenschutzkonform, systemunabhängig und tagesaktuell auf standardisierte medizinische Routinedaten aus Notaufnahmen zugreifen kann.

Ziel des Projektes ist der Ausbau des AKTIN-Notaufnahmeregisters zu einer flächendeckenden Infrastruktur für eine „Echtzeit-Versorgungsforschung“ in Notaufnahmen. Die automatische Datenweiterleitung der standardisierten Daten an das RKI und darüber hinaus auch an lokale Gesundheitsbehörden zur Etablierung einer Public Health-Surveillance wird weiterentwickelt, um das notfallmedizinische Geschehen in den Kliniken während der aktuellen Pandemie, in zukünftigen Epidemien oder bei anderen gesundheitsrelevanten Ereignissen in Echtzeit beobachten zu können. Die bereits gemeinsam mit dem RKI entwickelten Prozesse und Strukturen sind bei den Beteiligten fest etabliert und Ergebnisse einer engen Zusammenarbeit seit 2013. Für eine flächendeckende Ausweitung und zur Abschätzung der Repräsentativität der in Universitätsklinika versorgten Patienten, werden auch weitere nicht-universitäre Notaufnahmen eingebunden.

AKTIN ist in Deutschland die momentan einzig verfügbare Lösung, um standardisierte Daten aus der klinischen Notfallbehandlung tagesaktuell standort- und IT-systemübergreifend datenschutzkonform zu erheben und zu nutzen. Dies erfolgt nach Implementierung einer existierenden Schnittstelle ohne Zusatzaufwand für den dokumentierenden Kliniker durch Nutzung von Daten aus der medizinischen Routinedokumentation. Mit der Förderung erfolgt außerdem eine Weiterentwicklung und Anpassung an COVID-19-spezifische Anforderungen. Dies sind u.a. die Schaffung von Schnittstellen, um die Daten lokal an Infrastrukturen zur COVID-Forschung exportieren zu können, sowie die Automatisierung einer datenschutzkonformen, zentralen, tagesaktuellen Bereitstellung von COVID-19 spezifischen Daten.

Das AKTIN-Notaufnahmeregister leistet mit diesem NFN-COVID-19 Projekt folgende Beiträge zum Netzwerk Universitätsmedizin:

  • Verbreiterung der Datenbasis für die Public Health Surveillance für die aktuelle Pandemie, aber auch für zukünftige Pandemien und Fragestellungen (AP1 und 2)
  • Ausrollen einer Infrastruktur, die über den etablierten HL7-Standard des DIVI-Notaufnahmeprotokolls an die Datenintegrationszentren der MI-I an den Standorten angeschlossen werden kann.
  • Integration der bislang horizontalen Struktur (nur Daten aus der Notaufnahme) in die vertikalen Strukturen der gesamten Krankenhausversorgung und damit Herstellung einer Kompatibilität zu Projekten der MI-I.
  • Erstellung von prädiktiven Modellen auf Basis der Notaufnahmedaten, deren Ergebnisse weiteren Projekten (SPOCK MI-I UseCase PREDIC AID) übergeben, bzw. über die AKTIN-Infrastruktur dort nutzbar gemacht werden.
  • Analyse von Notaufnahmedaten in der ersten Welle zur Beantwortung von Fragen der Inanspruchnahme von Notaufnahmen zur zukünftigen Pandemieplanung.

Durch eine tagesaktuelle flächendeckende Datenerhebung in Notaufnahmen wird eine kontinuierliche Beobachtung der Geschehnisse in der klinischen Notfallversorgung in Deutschland ermöglicht. Bislang waren im Kontext von Infektionsgeschehen Daten des Gesundheitszustandes der Bevölkerung nach Meldung der Kliniken an die lokalen Gesundheitsämter zu erheben. Alternativ waren die Daten im Rahmen von stichpunktartigen lokalen Erhebungen zu beobachten. Mit der Erfassung direkt aus der Routine abgeleiteter tagesaktueller Daten werden neue Wege der Gesundheitsfürsorge der öffentlichen Hand beschritten. Durch sogenannte „Signale in der Surveillance“ werden Auffälligkeiten detektiert und leisten damit einen wertvollen Beitrag zur Erkennung der Entwicklung der aktuellen Pandemie oder neu auftretenden Epidemien.

Mit der regional stark unterschiedlichen Pandemie-Dynamik erlaubt die über dieses Projekt realisierte flächendeckende Datenerhebung eine raumdifferenzierte Übersicht über Patientenzahlen und Versorgungsdetails in den Notaufnahmen. Durch die Analyse von Vorstellungsgründen und Diagnosen erfolgt die Untersuchung von Auswirkungen auf die Versorgung von allen anderen Krankheiten während der Pandemie. Durch Ersteinschätzung der Behandlungsbedürftigkeit und ambulante oder stationäre Weiterbehandlung ist eine Abschätzung der Erkrankungsschwere möglich.

Die AKTIN-Infrastruktur stellt eine Datenquelle zur Echtzeit-Analyse des Versorgungsgeschehens in Notaufnahmen dar, anhand derer die Dringlichkeit der Fälle („Triage“) sowie standardisierte Vorstellungsgründe (CEDIS PCL) näher untersucht werden können. Damit ist die technische Basis für ein unabhängiges System etabliert, welches auch andere Gesundheitsphänomene im Sinne einer Syndromischen Surveillance detektieren und beschreiben kann. So können in zukünftigen Pandemien oder überregionalen Gesundheitsereignissen diese Mechanismen auch für die Beobachtung von Erkrankungen verwendet werden, die ein anderes Symptomspektrum als COVID-19 zeigen, z. B. Erkrankungen der Leber, der Niere, Verdauungssystem oder das Nervensystem betreffen und nicht primär die Atemorgane.

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