Universitätsklinikum Düsseldorf

MethodCOV | Methodennetzwerk zur Unterstützung von Covid-19 Forschungsprojekten bei der Messung sozialer und kontextueller Faktoren

Aufbau eines wissenschaftlichen Expert*innen-Netzwerks zur Erfassung sozialer und kontextueller Faktoren im Bereich der Pandemieforschung. Durch die Bündelung der Methodenkompetenzen können Auswirkungen kontextueller Faktoren auf das Erkrankungsrisiko, den Erkrankungsverlauf und den gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie analysiert werden. 

Die Erkenntnisse werden in neue Präventionsansätze und klinische Therapiekonzepte einfließen und zum Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen eingesetzt.

Soziale und kontextbezogene Faktoren wie der Beruf, Armut oder Wohnbedingungen spielen auf vielen Ebenen eine Rolle: Sie beeinflussen nach aktueller Studienlage sowohl das Erkrankungsrisiko als auch den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung und schließlich auch den gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie. Ein besseres Verständnis dieser Faktoren kann dazu beitragen, allgemeine und zielgruppenspezifische Präventionsansätze sowie klinische Therapiekonzepte bedarfsgerecht zu gestalten, um so vulnerable Gruppen mit einem erhöhten Risiko vor einem schweren oder tödlichen Verlauf besser zu schützen. Dieses Projekt verknüpft die vorhandene Expertise an den Universitätskliniken zur Erhebung und Auswertung sozialer und kontextueller Daten und stellt sie als schnell verfügbare Ressource für die zahlreichen Forschungsprojekte des Nationalen Netzwerks Universitätsmedizin zur Verfügung. Ziel ist es, ein Set an Instrumenten zusammenzustellen, mit dem soziale und kontextuelle Faktoren aufwandsarm und valide als Begleiterhebung in unterschiedlichsten Forschungsprojekten erfasst werden können. Zudem soll eine Plattform geschaffen werden, um Forschung im Bereich der gesellschaftlichen Aspekte des Umgangs mit einer Pandemie zu vernetzen und zu fördern. Zu diesem Zweck haben sich initial 37 Forschungsinstitute aus 24 Universitätskliniken zusammengeschlossen, um die Forschungsexpertise an den Universitätskliniken zu den Themen: 1) Soziodemographie, 2) berufliche Faktoren, 3) Umweltfaktoren, und 4) versorgungsbezogene Faktoren zu verknüpfen. Weiterhin werden durch medizinhistorische und –ethische Analysen direkte Lehren aus den aktuellen Entwicklungen gezogen, sowie der Austausch mit externen Public Health Forschungseinrichtungen organisiert.

 

Die COVID-19-Forschung steht vor der Herausforderung, soziale und kontextbezogenen Faktoren, die auf vielfältige Weise mit COVID-19-Erkrankungen zusammenhängen, in die Forschung einzubeziehen. Genuines Ziel des Methodennetzwerks ist die Unterstützung der Forschungsverbünde im Nationalen Netzwerk Universitätsmedizin bei der Identifikation, Erhebung, Auswertung und Interpretation von sozialen und kontextuellen Basisdaten – sowohl in bevölkerungsbezogenen, als auch in patient*innenbezogenen klinischen Studien – sowie die Bereitstellung medizinhistorischen und -ethischen Orientierungswissens, um direkte Lehren aus den aktuellen Entwicklungen zu ziehen.  Von großer Bedeutung sind soziodemographische, berufliche, umwelt- und versorgungsbezogene sowie kulturelle und geistesgeschichtliche Faktoren, zu denen in diesem Projekt themenspezifisch Arbeitsgruppen aufgebaut werden:

Soziodemographie

Um die Gefährlichkeit von Pandemien unmittelbar abschätzen zu können und Gegenmaßnahmen zielgruppenspezifisch auszurichten, sind grundlegende Analysen entlang zentraler Populationscharakteristika von Bedeutung. Soziodemographische Basisdaten wie Geschlecht, Familienstand, Bildung oder Einkommen spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie als Begleiterhebung in bevölkerungs- und patient*innenbezogenen Studiendesigns aufwandsarm erhoben werden können, um so eine effiziente Datenbasis zur Abschätzung der sozialen Verteilung von Infektionskrankheiten sowie Möglichkeiten für thematische Spezialuntersuchungen zu schaffen.

Berufliche Faktoren

In den Universitätskliniken werden berufstätige Menschen medizinisch versorgt, deren Tätigkeit und berufliches Umfeld entscheidend Ansteckungsrisiko, Verlauf und Rehabilitation bzw. Rückkehr an den Arbeitsplatz beeinflussen. Arbeitsinhalte und -abläufe bestimmen das Infektionsrisiko und wie gut infektionspräventive Arbeitsschutzmaßnahmen greifen. Beispielsweise bewirkt der Faktor Zeitdruck die Vernachlässigung von infektionspräventiven Arbeitsschutzmaßnahmen. Die Erfassung und Berücksichtigung von beruflichen Faktoren in der COVID-19 Pandemie, ebenso wie in möglichen zukünftigen Pandemien, trägt wesentlich zur Leistungsfähigkeit der Universitätsmedizin in der Forschung und in der Versorgung der Patient*innen bei.

Umweltfaktoren

Die Rolle der Luftverschmutzung bei der Ausbreitung und der Virulenz von SARS-CoV-2 hat in der internationalen Presse erhebliche Aufmerksamkeit erregt. Sowohl in Deutschland als auch international fällt eine Häufung von schweren COVID-19 Verläufen in Populationen mit einer hohen Luftverschmutzung auf. Als biologischen Wirkungsmechanismus lässt sich vor allem eine Schwächung der Abwehrkräfte in den oberen Atemwegen vermuten, die vor allem durch eine Störung der mukoziliären Reinigung bedingt ist und hierdurch zu einer erhöhten Infektanfälligkeit, auch gegenüber SARS-CoV-2, führen kann.

Versorgungsbezogene Faktoren

Gesundheitskompetenz ist in der Gesellschaft sozial ungleich verteilt. Die (Nicht-)Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen während der COVID-19-Pandemie (sowohl COVID-19-assoziiert als auch wegen anderer gesundheitlicher Belange) ist ein wichtiger Faktor von verspäteten Hospitalisierungen von COVID-19-Erkrankten. Neben der Häufigkeit und Wahl von Kontakten zu Ärzt*innen vor der Hospitalisierung ist hier die Nicht-Inanspruchnahme trotz Symptomatik entscheidend. Weiterhin kann durch die Erfassung der Inanspruchnahme abgebildet werden, welche indirekten gesundheitlichen Folgen sich durch die Pandemie ergeben, z. B. durch abgesagte Vorsorge- und Behandlungstermine von chronisch kranken Menschen.

Geschichte und Ethik

In Diskussionen um den Umgang mit und die Bewältigung von COVID-19 wurden von Beginn an medizinhistorische und -ethische Fragen aufgeworfen, die darauf abzielten, den gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie zu verstehen und medizinethische Problemlagen wie die einer gerechten Versorgung von Betroffenen frühzeitig zu diskutieren. Die gegenwärtigen Debatten über die Rechts- und Wertegrundlagen unserer Gesellschaft lassen es notwendig erscheinen, das aktuelle Geschehen grundsätzlich zu historisieren und die begonnenen Wertedebatten weiter zu führen. Die aktuellen Verhältnisse und Handlungsmöglichkeiten sollten in ihrem historischen Entstehungskontext gedeutet werden, um direkt Handlungsoptionen für die Zukunft ableiten können.

Vor dem Hintergrund der übergeordneten Ziele des Nationalen Netzwerks Universitätsmedizin hat dieses Projekt drei Zielsetzungen:

  1. Die Methodenkompetenz wird zu den oben beschriebenen sozialen und kontextuellen Faktoren in der Pandemieforschung an den Universitätskliniken gebündelt und über eine virtuelle Austauschplattform vernetzt. Darüber hinaus wird auch ein Austausch mit Forschungsinstitutionen außerhalb der Universitätsmedizin organisiert.
  2. Die vielfältigen Forschungsprojekte des Nationalen Netzwerks werden konkret bei der Erhebung und Auswertung von sozialen und kontextuellen Basisdaten unterstützt. Insbesondere wird ein Set an skalierbaren Best-Practice-Fragebögen zusammengestellt, mit denen soziale und kontextuelle Faktoren valide, schnell und aufwandsarm erfasst werden können. Diese Fragebögen werden dem Nationalen Netzwerk zur Verfügung gestellt. Daneben wird ein Beratungskonzept entwickelt, um die einzelnen Forschungsprojekte im Nationalen Forschungsnetzwerk bei der Erhebung und Auswertung zu unterstützen.
  3. Das Projekt soll neben der kurzfristigen Unterstützung durch die Etablierung einer auch über den Förderzeitraum hinaus bestehenden virtuellen Vernetzungsplattform langfristige Strukturen schaffen. Diese Strukturen sollen sicherstellen, dass handlungsrelevante Forschung zu sozialen und kontextuellen Faktoren auch bei zukünftigen Epidemien oder anderen fundamentalen Krisen durchgeführt werden kann. Das Methodennetzwerk zielt also letztlich auf die Schaffung einer agilen, ressourcensparenden aber gleichwohl nachhaltigen und ggf. schnell reaktivierbaren Struktur.

Durch die Kooperation mit externen Forschenden aus dem bestehenden „Kompetenznetz Public Health“ werden zusätzliche methodische Kompetenzen eingebunden und weitere Möglichkeiten geschaffen, um zentrale Public Health Forschungsergebnisse publik zu machen.